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Kurzinformationen Cap Arcona-Katastrophe

Die Vorgeschichte

Ab dem 20. April 1945 schaffte die SS-Lagerführung vom KZ Neuengamme mehr als 9.000 Häftlinge zu Fuß und in Güterwaggons nach Lübeck zu den Getreidesilos im Vorwerker Industriehafen. Dort beschlagnahmte sie Zubringerschiffe, die die Gefangenen unter grauenhaften Bedingungen zu der in der Lübecker Bucht ankernden fahruntüchtigen und nicht mit Proviant ausgestatteten Cap Arcona bringen sollten, einem Passagierschiff, das von der Kriegsmarine an den Reichskommissar für Seeschifffahrt abgegeben wurde.

Keines der Schiffe war aufgrund der Tatsache, dass es aus Sicht der Alliierten potentielle Truppentransporter waren, vor deren Luftangriffen sicher. Der Widerstand des Kapitäns und anderer Schiffsführer gegen das Vorhaben, hier ein schwimmendes KZ zu installieren, wurde je nach Situation durch Gewaltandrohung, falschen Versprechungen und Täuschung des in Lübeck tätigen Schwedischen Roten Kreuzes gebrochen. Immerhin erreichte der Kapitän der Cap Arcona durch geschicktes Taktieren, die Anzahl der an Bord befindlichen KZ-Häftlinge und Besatzungsmitglieder relativ gering zu halten. Nicht verhindern konnte er, dass die SS und andere Dienststellen der Kriegsmarine nichts dazu beitrugen, um eine Mindestversorgung der KZ-Gefangenen zu gewährleisten. Im Gegenteil – die Quälereien nahmen zu und das Schiff wurde „ausbruchssicher“ gemacht, indem die Rettungsmittel blockiert beziehungsweise an Land gebracht wurden. Um einen schnellen Untergang des Schiffes bei „Feindannäherung“ mitsamt seiner menschlichen Fracht sicherzustellen, wurden die automatischen Schotten und die Feuerlöscheinrichtungen unbrauchbar gemacht. Die Häftlinge blieben unter Deck überwiegend in den Stauräumen eingeschlossen. Eine geringe Befüllung der vorher gänzlich leeren Treibstoffbunker mit Betriebsstoff bildete die brisante Hauptladung für eine schnelle Selbstversenkung durch eine vorbereitete Restgasexplosion.

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Der Angriff

Eine Verknüpfung von tragischen Umständen führte aber letztendlich dazu, dass die von deutscher Seite vorbereitete hinterhältige Falle nicht entdeckt wurde. Die Stimmung unter den Häftlingen schwankte zwischen Hoffnung auf Befreiung und Untergang. So wurden Anfang Mai 1945 zwar keine alliierten Angriffe auf Hafenbereiche in diesem Raum geflogen, um eine Gefährdung von "Displaced Persons" (Verschleppte Personen)  und Mitarbeitern des Roten Kreuzes zu vermeiden, doch erreichte eine konkrete Information des Schweizer Roten Kreuzes über die Gefährdung der Häftlinge auf der Cap Arcona die Piloten nicht, da sie bereits am 2. Mai 1945 bei der zuständigen Stelle der Royal Air Force hängen geblieben war. Eigene alliierte Bemühungen zur Klärung der Sachlage scheiterten aufgrund deutscher Gegenaktionen.

So griff am 3. Mai 1945 im Zuge eines letzten massiven Schlages gegen die deutschen Schiffe und weiterer militärischer Ziele die Staffel 198 die nicht gekennzeichneten KZ-Schiffe Cap Arcona und Thielbek an, obgleich die mitgeführten Raketenbomben nicht für ein Seeziel dieser Tonnage geeignet waren und bei weitem nicht alle Abschüsse im Zielgebiet lagen. Das führte später zu einer technischen Begutachtung des Wracks durch britische Spezialisten. Sie stellten fest, dass die Cap Arcona in einer Schiffssektion explodierte, der zumindest keinerlei Treffer aufwies.

Der Schaden in diesem Bereich führte letztendlich zum Inferno und Kentern des Schiffes. Das Handelsschiff Thielbek kenterte innerhalb kurzer Zeit, da sich der Schwerpunkt des Schiffes durch die an Bord in Panik geratenen Menschen dramatisch verlagerte und zusätzliche Lasten an Deck verrutschten. Während die Thielbek später gehoben und nach kurzer Reparatur wieder in Dienst gestellt werden konnte, hatte die Cap Arcona bedingt durch den bei der Explosion verformten Schiffskörper nur noch Schrottwert. Über 7.000 Menschen ließen ihr Leben. Nur wenige hundert konnten sich aufgrund von Zufällen retten.

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Weitere Fakten

Eine Rettungsaktion kam aufgrund der alliierten Lagebeurteilung über weiteren deutschen Widerstand und örtlichem Befehlswirrwarr während der Besetzung der Neustädter Marinebasis nicht zustande.

Wenige Stunden zuvor hatte noch ein Kommando der SS und weiterer bewaffneter Kräfte mehr als 200 Häftlinge aus dem KZ Stutthof am Strand von Neustadt in Holstein erschossen, deren Schleppkähne nachts vom Ankerplatz der KZ-Flotte ans Ufer getrieben waren.

Die Hauptverantwortlichkeit für eine der schwersten Schiffskatastrophen der Geschichte liegt allem Anschein nach auf deutscher Seite, die den Alliierten eine hinterhältige Falle gestellt hatte. Andererseits unterliefen den britischen Dienststellen schwerwiegende Fehler bei der Weiterleitung von Informationen des Schweizer Roten Kreuzes über die Existenz und die Gefährdung der Häftlinge auf der KZ-Häftlings-Flotte. So konnte der Tatbeitrag einzelner Personen bis heute nie vor Gericht abschließend geklärt werden.

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